Offener Brief Nr. 1 – „Wir müssen wenigstens darüber diskutieren“

OFFENER BRIEF

Erzbistum Köln
z. Hd. Dr. Ansgar Mayer
Kardinal-Frings-Str. 1-3
50668 Köln

Lieber Herr Mayer,

Ich habe Ihren Tweet „Tschechien, wie wär’s: Wir nehmen Euren Atommüll, Ihr nehmt Sachsen? #BTW17“ gelesen. Danke, das wäre grundsätzlich kein schlechter Deal. Ein Teil des heutigen Sachsens hat bereits gute Erfahrungen mit der Zugehörigkeit zu Böhmen gemacht: Die Oberlausitz. Viele Sachsen sorbischer Nationalität können sich auch sprachlich gut verständigen, weil das Obersorbische eng mit dem tschechischen verwandt ist. Von 1724 bis 1922 befand sich auch das Priesterseminar für den sorbischen Priesternachwuchs in Prag. Ironie der Geschichte: In dem Gebäude befindet sich heute das sächsische Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Prag.

Ich nehme an, dass der Anlass für Ihren Vorschlag das Wahlergebnis in Sachsen ist. Ich habe gestern und heute in Bautzen auf der Straße gestanden und mit rund zweihundert Menschen unterschiedlichster politischer Orientierung, Herkunft, verschiedenen Alters und Geschlechts im Rahmen der „Bautzener Demokratiewoche“ gesprochen. Ein Arbeiter aus einer Waggonfabrik war einer von denen, die mir erklärt haben, warum sie die AfD gewählt haben. Ihm ginge es ausschließlich um die Energiewende. Die AfD sei die einzige Partei, die das auf den Prüfstand stellen wolle. Und das mit dem CO2 sei ja gar nicht so schlimm. Und dann sagte er den entscheidenden Satz: „Es kann ja sein, dass ich nicht Recht habe. Aber wir müssen doch wenigstens darüber diskutieren“.

Mir sind noch viele Gründe genannt worden, warum Menschen AfD gewählt haben. Allen gemein ist: Sie fühlen sich nicht wahrgenommen und in ihren Sorgen nicht ernstgenommen.

Nun einmal nach Köln: 40.000 Kölner haben die AfD gewählt. Das sind mehr Menschen, als Ehrenfeld Einwohner hat. Auch im Erzbistum Köln haben viele Menschen die AfD gewählt. 928.323 Wähler haben in ganz NRW ihr Kreuz (Zweitstimme) bei der AfD gemacht. 669.895 waren es in Sachsen. Ich kann verstehen, dass es frustrierend ist, immer ausgerechnet aus Sachsen Nachrichten von PEGIDA oder der AfD zu hören. Ihre Äußerung führt nur leider dazu, dass sich das Gefühl des „Nichtdazugehörens“ nur verstärkt. Wieviele gebürtige Westdeutsche waren noch nie (!) im Osten Deutschlands? Kennen die Orte nicht? Kennen die Lebensgeschichten nicht?

Umgekehrt gibt es fast keinen Ostdeutschen, der noch nie in Süd- oder Westdeutschland war. Viele haben nach der Wende ihre Arbeit in der Heimat verloren und MUSSTEN nach Süd- oder Westdeutschland zur Arbeit pendeln oder dauerhaft umziehen. Und genau das ist ein Teil des Problems: Diese Menschen haben nach der Wende das Wirtschaftswachstum in der alten Bundesrepublik mitproduziert und fehlen heute hier. Wären sie hier, wären wahrscheinlich auch die prozentualen Wahlergebnisse andere. Ich lade Sie gerne ein, Ihnen ein paar Orte zu zeigen und Sie mit Menschen bekannt zu machen, damit Sie den Osten ein bisschen besser verstehen.

Dass der „Anschluss“ an Tschechien keine Strafe für uns wäre verstehen Sie, wenn Sie ein Glas vom „Velkopopovický Kozel“ getrunken haben. Aber in Köln haben Sie ja leider kein echtes Bier. Überlegen Sie sich das noch mal, mit dem Atommüll im Rheinland…

Mit freundlichen Grüßen

Markus Kremser

PS: Ich habe gesehen, dass dieser Verein aus Linz Sie unter Beschuss wegen oben genannten Tweets genommen hat. Hier meine Antwort „Wenn Tschechien dauerhaft @katholikenNet nimmt, übernimmt Sachsen gerne den Atommüll.“

PPS: Eine Flasche „Velkopopovický Kozel“ ist per Post auf dem Weg zu Ihnen. Dass „Velkopopovický Kozel“ auf deutsch „Großpopowitzer Ziegenbock“ bedeutet, dürfen Sie deuten wie Sie wollen. Lassen Sie es sich schmecken.