„’S isch halt so!“ oder „Setzt Gott auf Kampfkatholiken?“

Peter Hummel (48) käme sich einigermaßen lächerlich dabei vor, „den Nachfolger des Heiligen Petrus zu kritisieren oder den Stellvertreter Christi gar in Glaubensfragen zu belehren“

Ich bin seit meinem zweiten Lebenstag katholisch. Also allgäuerisch-katholisch – nach dem Lieblings-Motto der Allgäuer: „Nicht geschimpft ist gelobt genug“ („It g’schimpft isch g’lobt gnua“). Als Ministrant regten wir uns nicht auf, als die alten Ministrantengewänder durch moderne Kutten ersetzt wurden, bei der Firmung war es uns eigentlich egal, dass uns der sehr konservative Diakon zur Mundkommunion drängte und als der Organist am Ende der Hochzeit auf ein Marienlied bestand, war das auch in Ordnung. „Passt schon“, sagten wir, sagte ich, und: „Ob der liebe Gott das überhaupt so genau nimmt?“
Papst Johannes Paul II. fanden wir super, weil er hinaus in die Welt ging und in Assisi mit anderen Religionsführern um den Frieden auf der Welt betete. Benedikt der XVI. war einer von uns, einerseits, aber natürlich auch etwas entrückt, weil er so unfassbar gescheit und belesen und, ja, irgendwie tatsächlich unfehlbar war und ist. Papst Franziskus dagegen erobert die Herzen bis heute durch seine spontane, unverblümte, herzliche Art. Man könnte auch sagen: Der Heilige Geist hat uns drei Päpste geschenkt, die nicht hätten besser gecastet sein können. Jedenfalls denkt ein Allgäuer so, also ich, der nicht auf die Idee käme, am Heiligen Vater rumzunörgeln. Es ist ohnehin wie es ist. Oder, auf Allgäuerisch: „Bevor i mi aufreg, isch’s mir liaber Wurscht.“ Ganz abgesehen davon werden wir, wenn wir mal im Himmel ankommen, wohl nicht daran gemessen, wie oft wir in unserem Leben die Kirche oder gar den Papst kritisiert haben. Man geht ja auch nichts ins Wirtshaus auf ein Bier und schimpft erstmal über den Bierfahrer. Jedenfalls nicht bei uns im Allgäu.

Nun ist es aber leider so, dass am aktuellen Papst schon sehr rumgenörgelt wird, vor allem in extrem konservativen Internetforen, neuerdings auch auf Spiegel-Online, aber ganz bitterböse durch Selfie-Katholiken wie Matthias Matussek und durch viele Konvertiten, also den Übergetretenen, meistens aus der evangelischen Kirche. Letztere sind überhaupt die Eifrigsten, wenn es darum geht, vermeintlich katholische Traditionen wieder einzufordern. Für die gilt: katholisch oder nichts, nur die reine Lehre, keine Kompromisse, kein Nachdenken, erst recht kein Anpassen. Das Wort „Zeitgeist“ ist bei Konvertiten so positiv besetzt wie „Blutwurst“ bei Veganern.
Und so sehen manche Fanatiker in unserer katholischen Kirche das Ende nahe, weil das Zweite Vatikanische Konzil alles durcheinander gebracht habe und weil die Messe nicht mehr im alten tridentinischen Ritus auf Latein gelesen wird. Sie übersehen dabei aber zwei Dinge: Zum einen wurde das Konzil einberufen, „um der Gegenwart Rechnung zu tragen“ und „das Ewige der Botschaft der Kirche nicht zu verraten“, was wohl zwingend notwendig war, wenn man den Geschichten unserer Eltern und Großeltern glaubt, die von emotionslos runtergeleierten Messen landauf und landab berichten. Gut möglich, dass es in 200 oder 500 Jahren wieder einer solchen Reform bedarf. Soll mir recht sein.
Zum Zweiten darf nicht übersehen werden, dass die katholische Kirche eine anhaltende Erfolgsgeschichte ist, denn sie wächst rund um den Erdball Jahr für Jahr. Noch nie gab es, verteilt auf die Kontinente, so viele Priester wie derzeit, also ein halbes Jahrhundert nach dem Konzil. Ein Boom, der wohl kaum möglich wäre, würde der Papst Unsinn verkünden oder käme gar der Heilige Geist auf die Idee, seinen Einfluss im Konklave in Frage zu stellen.
Dass Matussek und so manche Nostalgiker die Krise des Christentums in Europa auf den Papst und auf Rom und auf das Konzil schieben, ist natürlich albern. Kein Allgäuer, kein Hamburger und keiner von sonst wo her schwänzt doch am Sonntag den Kirchgang, weil der Priester nicht mehr mit dem Rücken zum Volk betet und Papst Franziskus auf die Waffenhändler schimpft. Nein, wenn die Leute nicht gehen, dann deshalb, weil ihnen der Glaube egal ist. Weil sie ihn vielleicht gar nicht mehr kennen oder, noch schlimmer, weil sie das Gefühl haben, Gott nicht zu brauchen. Warum beten, wenn man seine innere Unruhe mit einem gehässigen Kommentar in einem der sozialen Netzwerke sedieren kann? Warum an ein Leben nach dem Tod denken, wenn einem hier kaum die Zeit dazu reicht, sich über all die Missstände aufzuregen? Und, jetzt ganz provokativ: Warum beichten gehen, wenn doch dieser schlimme, häretische Papst Franziskus muslimischen Frauen die Füße wäscht?
Merken Sie was? Die Glaubensfaulen sind zu gelassen geworden und manchen Glaubenstreuen ist die Gelassenheit abhanden gekommen. Mitunter auch die Zufriedenheit eines Allgäuers, der am Sonntag in die Kirche geht und nach 60 Minuten mit einem guten, hoffnungsvollen, nicht selten auch nachdenklichen Gefühl nach Hause läuft. Oder ins Wirtshaus. Kampfkatholiken, Nostalgiker und (die meisten) Konvertiten können das nicht, weil sie über der Aufgabe zerbrechen, wie sie ihren Stil des Katholischseins anderen aufdrängen. Der Allgäuer, der seit seinem zweiten Lebenstag katholisch ist und sich einigermaßen lächerlich dabei vorkäme, den Nachfolger des Heiligen Petrus zu kritisieren oder den Stellvertreter Christi gar in Glaubensfragen zu belehren, hat es da einfacher. „’S isch halt so!“, sagt er, wenn er eine Diskussion beenden will und meint damit: Sollen sie nur auf das Moderne und auf die Tradition und auf den Papst schimpfen, sollen sie mit finsteren Mienen durch die Welt gehen und ihren Untergangsphantasien frönen, am Ende kommt es darauf an, ob man sich traut, dem lieben Gott zu sagen: „Servus, hier bin ich, hoffentlich passt alles soweit.“

Der Text ist Peter Hummels Antwort auf „Der Sponti-Papst“ von Jan Fleischhauer

Peter Hummel, 48, ist Journalist in Augsburg, geboren im Allgäu und Gründer der „Generation Franziskus“ , www.generation-franziskus.de