Vom rechten Wege abgekommen

Der Streit mit Vatikan über die Absetzung des Großkanzlers ist nur Symptom. Die Probleme des Ordens (in Deutschland) liegen viel tiefer.

Weltweit wird derzeit über einen Konflikt zwischen dem Malteserorden und dem Vatikan berichtet. Die Ursachen dafür liegen in Versäumnissen, die Jahrzehnte und teilweise Jahrhunderte zurück liegen. Felix Neumann stellt viele historische Zusammenhänge und ihre kirchenrechtlichen Auswirkungen hier sehr gut dar. Ich möchte im aktuellen Konflikt auf einige bisher nicht beachtete Aspekte hinweisen:

Der Adelsclub

Der Malteserorden ist einer der wenigen katholischen Orden, bei dem man sich nicht um die Aufnahme bewerben kann. Man wird angesprochen, von Ordensmitgliedern, ob man nicht Ordensritter werden wolle.

Was einst als Auswahlinstrument gedacht war, um nur einer katholischen „Elite“ Zugang zum Orden zu gewähren, hat sich längst zu einer Art Inzest entwickelt. Nahezu ausschließlich Adelige sind in Deutschland Mitglied des Ordens. In anderen Ländern (Italien, Frankreich, Irland, Österreich) sieht es nicht viel anders aus. Erst seit wenigen Jahrzehnten werden gelegentlich auch Bürgerliche aufgenommen, die sich in der Regel im Malteser Hilfsdienst oder bei den Malteser Werken besonders verdient gemacht haben. Diese werden in aller Regel nur in den untersten von drei Ständen des Ordens aufgenommen. Rund 700 Ordensmitglieder, Ritter und Damen, hat der Orden in Deutschland, rund 13.500 sind es weltweit. In Deutschland sind es einige Dutzend adeliger Familien, die das Gros der Ordensmitglieder stellen. Das wäre nicht das Problem, wenn nicht der Orden zugleich als Sprungbrett in die Karriere hinein verstanden würde. Allerorten werden bei den verschiedenen gemeinnützigen GmbHs (gGmbH) der Malteser Positionen für Nachwuchsführungskräfte mit jungen Adligen besetzt, die gerade einen BWL- oder Jura-Abschluss in der Tasche haben und einen Taufschein. Nicht immer trifft es sich, dass dabei hohe Qualifikation und große Kirchentreue zusammenkommen. Mal ist die Qualifikation mäßig, mal nimmt man es mit dem Glauben, geschweige denn mit dem Lehramt der katholischen Kirche, nicht so ganz genau. Aber auch ältere Adelige werden mitunter solange mit Posten „versorgt“, bis das Rentenalter erreicht ist. Nicht immer ist das zum Vorteil der jeweils anvertrauten Geschäftseinheit und ihrer Mitarbeiter und Betreuten oder Kunden, egal ob es sich um ein Krankenhaus, eine Verwaltungseinheit des Malteser Hilfsdienstes oder einer gGmbH handelt.

Nichtadelige Führungskräfte gibt es, Schlüsselpositionen werden aber vorrangig mit Ordensmitgliedern besetzt. Der Ordensleitsatz „Tuitio fidei et obsequium pauperum“ (deutsch: Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen) ist bei der Auswahl der Ordensmitglieder schon lange nicht mehr die Richtschnur. Ich will in keiner Weise die Verdienste vieler Engagierter (adeliger) Katholiken kleinreden. Das „von“ im Namen garantiert aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr die Zugehörigkeit zu irgendeiner (finanziellen, religiösen oder wirtschaftlichen) Elite. Insofern ist das Auswahlverfahren der Ordensmitglieder obsolet.

Dem Papst nicht mehr treu

Die Untreue dem Papst gegenüber begann nicht erst im Konflikt um den Großmeister. Bereits in den 1950er Jahren versuchte der Orden, sich einer von Papst Pius XII. verordneten Ordensreform zu widersetzen (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41120585.html). Der Anlass dafür, ein Konflikt um den Ausschluss von Graf Ferdinand Thun-Hohenstein aus dem Orden, erinnert fatal an die aktuellen Vorgänge. Und auch das Überhandnehmen des “Klüngel von ‚Ehrenrittern’“ hat es also vor rund 65 Jahren schon einmal gegeben.

Die Untreue setzt sich mit Medjugorje weiter fort. Seit 1998 betreiben die Malteser an diesem „Ort des Gebets“ den Sanitätsdienst, versorgen Pilger und Einheimische. Dass Medjugorje höchst umstritten ist (http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/keine-oberpostbeamtin), blenden die Malteser dabei offensichtlich aus. Das päpstliche Lehramt interessiert sie offensichtlich nicht. Der Malteserorden ist vom rechten Weg abgekommen.

Der römische Historiker Roberto de Mattei spekuliert in seinem kürzlich in der italienischen Tageszeitung „Il Tempo“ erschienenen Artikel (http://www.robertodemattei.it/2016/12/24/il-papa-e-malta-un-commissariamento-fasullo/#more-2567), Papst Franziskus halte den Malteserorden für „zu traditionell“. Bereits die Franziskaner der Immakulata (FI) und das Institut des fleischgewordenen Wortes (IVE) habe er deshalb unter „kommissarische Aufsicht“ gestellt. Dies erscheint wenig schlüssig. Vielmehr scheint die Zusammensetzung des Ordens und die Haltung zum Lehramt im Vatikan Bauchschmerzen zu bereiten.

Abgesehen davon werden auch die Vorgänge, die sich 2008 in Argentinien zugetragen haben sollen (https://cruxnow.com/vatican/2017/01/13/popes-history-knights-malta-linked-current-row), Papst Franziskus nicht gerade positiv stimmen, wenn es um die Malteser geht.

Das Bemühen um ein „katholisches Profil“

Manchmal kopfschüttelnd, manchmal lachend, manches Mal innerlich weinend betrachte ich seit nun fast 28 Jahren das Ringen um ein „katholisches Profil“ in den weltlichen Einrichtungen und Werken des Malteserordens in Deutschland, insbesondere im Malteser Hilfsdienst e.V. und den diversen gGmbHs, die in den 1990er Jahren errichtet wurden. Mein Blick geht dabei insbesondere auf die mittlere und untere Führungskräfte- und die Mitarbeiterebene im Haupt- und Ehrenamt.

Das Ringen um ein katholisches Profil schwankt hier zwischen zwei Extremen:

Der häufigere Fall ist der, dass in Einrichtungen und Gliederungen aller Art Johannestagskatholiken dominieren. Der Johannestag (24. Juni) ist der (quasi National-)Feiertag der Malteser und wird allerorten mit sogenannten Johannesfeiern begangen. In aller Regel beginnen die Feierlichkeiten dazu mit einer Messfeier. Für viele der Anwesenden, Mitarbeiter wie auch Honoratioren, ist das neben der Christmette die einzige Eucharistiefeier im Jahr. Das haben die Malteser selbst schon vor vielen Jahren erkannt und Bemühen sich deshalb, auch im Alltag als katholische Einrichtung erkennbar zu sein. Viele Bemühungen, darunter auch sogenannte „geistliche Impulse“ zum Beginn von Sitzungen und Besprechungen, sind oft als solche zu erkennen und passen selten zur Lebenswirklichkeit der jeweiligen Abteilung, Einrichtung, etc. Rettungsassistenten, Krankenschwestern und Katastrophenschutzhelfer fühlen sich auf den Arm genommen, wenn Teambesprechungen mit „Irischen Segenssprüchen“ eröffnet werden.

Umgekehrt gibt es sehr katholisch geprägte Malteser-Einrichtungen, die kaum noch Nachwuchs haben, weil Nicht-Katholiken nicht ausdrücklich ausgeschlossen, aber doch lieber außen vor gehalten werden. Nach Satzung und Leitfaden (Konfessionalität, Seite 58, http://www.malteser-wesel.de/pdf/SatzungLeitfaden-2_07.pdf) des Malteser Hilfsdienstes sollen Führungspositionen, auch im Ehrenamt, ausschliesslich von Katholiken besetzt werden. Dies gelingt vielerorts nicht. Schon vor 27 Jahren durfte die damalige Zugführerin meiner ersten Katastrophenschutzeinheit nur „kommissarische Zugführerin“ sein, weil sie evangelisch war. In der ostdeutschen Diaspora gibt es Gliederungen, die als katholischer Club funktionieren und sich Nichtchristen fast vollständig verschließen. Auf die ehrenamtliche Mitarbeit von Nichtchristen wird hier lieber verzichtet, weil sonst das „katholische Profil“ leiden könnte. Mir erscheint es so, dass sich manche ostdeutsche Katholiken von der „Wagenburg-Mentalität“ der Kirche zur DDR-Zeit noch nicht verabschieden können.

Die Malteser in Deutschland haben mit der Errichtung des „Geistlichen Zentrums“ in der Kommende Ehreshofen und mit der Malteser Akademie versucht, ihr katholisches Profil zu schärfen. Dies ist zu großen Teilen gelungen, hat aber Grenzen. Ein Verbandpäckchen wird nicht katholisch. Ebenso wenig wie ein Funkgerät oder ein Bett in einer Flüchtlingsunterkunft oder der Waschlappen, mit dem die Schwester der Sozialstation um kurz nach sechs einen pflegebedürftigen alten Mensch wäscht.

Seid Ritter und werdet katholisch

„Reißt Euch zusammen! Bedenkt, dass Ihr Ritter seid!“ möchte ich den Maltesern zurufen. Den acht Spitzen des Malteserkreuzes werden acht Tugenden zugeordnet: Wahrheit, Glaube, Buße, Demut, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Aufrichtigkeit und Beharrlichkeit. Erinnert Euch dran!

 

 

 

Anmerkung: Ich bin seit Mai 1989 ununterbrochen Mitglied des Malteser Hilfsdienstes e.V. und fühle mich dem Malteserorden darum in besonderer Weise verbunden.