Manipulierter Blick nach Osten

Vorrede

Es ist blöd, wenn Journalisten vor der Recherche im Kopf haben, welcher Text anschließend dabei rauskommen soll. Ich schreibe das, weil ich Journalist bin und es selbst kenne, das Gefühl „Ach ja, das geht in diese Richtung. Alles klar!“. Es ist mir selbst mehrere Male passiert. Und ich will Vorurteile nicht verteufeln. Vorurteile helfen uns, nicht jeden Fehler mehrfach zu begehen. Aber wir sollten Vorurteile nicht ohne Überprüfung als Urteile verstehen. Also gilt es, für Journalisten noch einmal mehr, Vorurteile zu überprüfen.

Worum geht es?

Die Zeitschrift „Der Spiegel“ veröffentlicht in seiner aktuellen Ausgabe (48/2016) einen Text von Matthias Schulz unter dem Titel „Alles umsonst“ in dem es um die Sanierung der Stadt Görlitz geht. In dem Text wird behauptet, „viele der historischen Prachtbauten“ stünden leer. Im Online-Auftritt (SPON) läuft der gleiche Text unter der Überschrift „Das Paradies modert vor sich hin“ (http://www.spiegel.de/spiegel/goerlitz-lockt-mit-mietfreiem-wohnen-und-gratis-bier-a-1123429.html). Im Untertitel wird dann noch hinzugefügt „Jetzt reagiert die Politik: Wer hinzieht, wohnt mietfrei – und bekommt Gratis-Bier“. Doch stimmt das, was das „Nachrichtenmagazin“ aus Hamburg schreibt? Ich versuche einen Faktencheck mit ausschließlich frei im Netz verfügbaren Daten.

1. Görlitz sei der „leerstehendste“ Ort.

Mit Fördergeldern sei es gelungen, 75 Prozent der Innenstadt zu sanieren, schreibt Matthias Schulz, der Autor des Textes. „Im Umkehrschluss bedeutet das aber: Jedes vierte Haus gammelt noch immer unsaniert vor sich hin“, heißt es wörtlich. Jedoch: Das stimmt nicht!

Ohne Zweifel gibt es in Görlitz Leerstand. Gerade in der Altstadt, der Innenstadt und der Südstadt stehen aber nicht (mehr) 25% leer. Die Leerstandsangabe von 25% bezieht sich auf alle Wohneinheiten (nicht Häuser) der gesamten Stadt und stammt aus dem Jahr 2000. Die zahlenmäßig größten Leerstände sind dabei in den Plattenbauten und mehrgeschossigen Serienbauten in den Stadtteilen Königshufen, Rauschwalde und Weinhübel zu verzeichnen. Das aktuelle Stadtentwicklungskonzept (INSEK) und seine Vorgänger sehen vor, genau in diesen Bereichen Wohnungen abzureißen (http://www.goerlitz.de/uploads/02-Buerger-Dokumente/Stadtentwicklungskonzept/Integriertes_Stadtentwicklungskonzept_INSEK_2012_-_Gesamtkonzeption_und_Umsetzungsstrategie.pdf).

Ungeachtet sinkender Bevölkerungszahlen waren bis Ende der 1980er Jahre in den Stadtteilen Rauschwalde, Weinhübel und schließlich auch in Königshufen insgesamt rund 11.500 Wohnungen entstanden. Bei der Rückbesinnung auf die „Kernstadt“ (vgl. oben genanntes Stadtentwicklungskonzept) sind rund 10.000 Wohnungen nun quasi „übrig“.

Doch über welche Zahlen reden wir überhaupt? Auskunft über die Zahl der Wohneinheiten in der Stadt Görlitz gibt unter anderem das Statistische Bundesamt:

https://ergebnisse.zensus2011.de/#dynTable:statUnit=WOHNUNG;absRel=ANZAHL;ags=146260110110;agsAxis=X;yAxis=NUTZUNG

Zahl der Wohneinheiten: 36 979
Von Eigentümer/-in bewohnt 4 868
Zu Wohnzwecken vermietet (auch mietfrei) 25 067
Ferien- und Freizeitwohnung 78
Leer stehend 6 966
Ergebnis des Zensus 2011 zum Berichtszeitpunkt 9. Mai 2011.

Wir reden bei 6.966 leer stehenden Wohnungen am 9. Mai 2011 also von 18,8 Prozent Leerstand! (Quelle: https://ergebnisse.zensus2011.de/#dynTable:statUnit=WOHNUNG;absRel=PROZENT;ags=146260110110;agsAxis=X;yAxis=NUTZUNG

Im Jahr 2011!!!

Die Verringerung des Wohnungsbestandes durch Zusammenlegung von Wohneinheiten (bei Sanierung) oder durch Abriss in den vergangenen Jahren von 2011 bis 2016 ist also noch gar nicht eingerechnet.

Nach dem INSEK soll bis 2020 in etwa ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Görlitzer Wohnungsmarkt erreicht werden. Das bedeutet, dass es zusätzlich zu den tatsächlich bewohnten Wohneinheiten (WE) nur noch eine sogenannte „Fluktuationsreserve“ von 7,5 % Leerstand geben soll. Um diesen Zielwert zu erreichen, müssen von 2012 bis 2020 etwa 4.200 Wohneinheiten abgerissen werden müssen. Zum Vergleich: In der ersten Fassung des INSEK aus dem Jahr 2001 betrug das berechnete Abrisspotenzial noch rd. 8.500 Wohneinheiten. Die Verringerung des aktuellen Abrissvolumens gegenüber der alten Fassung des INSEK ist einerseits auf die zwischenzeitlich bereits durchgeführten Abrisse (insgesamt rd. 2.000 WE) zurückzuführen. Andererseits spiegelt sich darin auch die in den letzten Jahren günstigere Bevölkerungsentwicklung der Stadt Görlitz, die prognostisch in die Zukunft verlängert, ein rechnerisch geringeres Rückbauvolumen bewirkt. Der Rückbaubedarf ist nach Stadtgebieten unterschiedlich dimensioniert in Abhängigkeit von der prognostizierten Bevölkerungs- und Leerstandsentwicklung sowie gemäß den Zielen der städtebaulichen Entwicklung des INSEK. Etwa drei Viertel der „Rückbaulast“ entfällt auf die äußeren Stadtteile in Plattenbauweise. Besonders in den Stadtteilen Königshufen und Weinhübel werden perspektivisch bis zu 25 % ihres Wohnungsbestands zu reduzieren sein. In den denkmalgeschützten Altbaugebieten wird ein Abriss von Wohngebäuden nur in Ausnahmefällen in Frage kommen (z. B. Hinterhofhäuser).

Das INSEK fasst auch diese Perspektive in einer Tabelle zusammen:

Auszug aus dem INSEK
2. Der Autor schreibt, in den „Dreißigerjahren lag die Zahl der Einwohner nahe 100.000“

und an anderer Stelle „Vor zwei Jahren lebten noch 54.000 Menschen dort. Für 2020 hat das Statistische Landesamt einen weiteren dramatischen Rückgang prognostiziert“.

Der Vergleich der Einwohnerzahlen der beiden „Görlitz“ genannten Gebietskörperschaften vor und nach dem 8. Mai 1945 hat keine Aussagekraft. Eine Aussagekraft hat der Vergleich nur, wenn man das annähernd gleiche Territorium für den Vergleich heranzieht. Nach 1945 wären das dann die (polnische) Gebietskörperschaft Zgorzelec und die (deutsche) Gebietskörperschaft Görlitz! Wenn man diese zusammenrechnet und vergleicht, sieht man, dass die heutige Einwohnerzahl schon dreimal (etwa um 1924, dann um 1941 und Ende 1945) bei der heutigen (Görlitz 56.708 + Zgorzelec 31.280 = 87.988) lag. Wer sich näher damit beschäftigen will, dem sei dieser Wikipedia-Artikel empfohlen: https://de.wikipedia.org/wiki/Einwohnerentwicklung_von_G%C3%B6rlitz

Noch vollkommen unberücksichtigt ist die sehr viel bessere Einwohnerentwicklung, als die vom Statistischen Landesamt prognostizierte. Seit 2013 steigt die Einwohnerzahl von Görlitz kontinuierlich an. Im Oktober 2016 lag die Einwohnerzahl bei 56.708! Alle Zahlen dazu gibt es hier: http://www.goerlitz.de/Statistische_Zahlen.html Die statistischen Zahlen von Zgorzelec gibt es hier: http://www.polskawliczbach.pl/Zgorzelec

3. Im Vorspann von SPON heißt es „Wer hinzieht, wohnt mietfrei – und bekommt Gratis-Bier

Das stimmt, wie Görlitzer wissen, leider nur teilweise. Seit vielen Jahren gibt es das Begrüßungspaket für Neubürger. Was genau dazu gehört, kann man hier nachlesen: http://umziehen-nach-goerlitz.de/pages/de/unser-paket.php Solche Pakete gibt übrigens auch in anderen Städten. Mietfrei wohnen kann man ausschließlich bei drei bestimmten Vermietern und das auch nur zwei Monate lang. Und tatsächlich gibt es vier Flaschen aus dem Sortiment der hier ansässigen Brauerei (www.landskron.de). Es gibt aber auch noch eine kostenlose Familienkarte des Senkenberg Museum für Naturkunde Görlitz und ein halbes Premieren-Abonnement beim Gerhart-Hauptmann-Theater (www.g-h-t.de) und noch viele andere Geschenke vom Tierpark, Fitnessstudios und Sportvereinen.

Nun noch zu den Nebensächlichkeiten:

Görlitz würde wegen seiner „spätgotischen Türme und Wehranlagen“ gern mit dem italienischen Siena verglichen, schreibt der Autor. Beim Vergleich dieser beiden Städte werden mir die Unterschiede deutlicher als die Gemeinsamkeiten. Offensichtlich hat auch noch niemand relevant online in einem Blog oder Reisebericht diesen Vergleich gezogen. Bei der verknüpften Suche (https://www.google.de/search?q=%22G%C3%B6rlitz%22+AND+%22Siena%22 beide Suchbegriffe müssen in genau dieser Schreibweise auf der Seite vorkommen) taucht bei den ersten 100 von rund 2 Millionen Treffern KEINE Seite auf, auf der eben dieser Vergleich gezogen würde, außer der entsprechende SPON-Artikel…

An anderer Stelle heißt es: „Bald hatte die Siedlung 200 Brauereien mit Kellern, deren Fundamente zum Teil bis in die Jungsteinzeit zurückreichen“. Die Stadt hatte zu keinem Zeitpunkt 200 Brauereien, wohl aber eine Vielzahl von Häusern mit Braurecht. Das hieß, dass reihum gebraut wurde. Jungsteinzeitliche Befunde gibt es im Stadtgebiet, jedoch kein einziges „Fundament“.

„Nach der neuen Grenzziehung zu Polen fanden sich die Leute in DDR-Randlage im Tal der Ahnungslosen wieder“, schreibt Matthias Schulz in seinem Text. Tatsächlich wurde mit dem sogenannten „Tal der Ahnungslosen“ vor allem der Talkessel um Dresden herum bezeichnet, in dem kein Empfang westdeutscher Radio- und Fernsehprogramme möglich war. In Görlitz war der Empfang von dieser TV- und Radioprogramme bei Verwendung entsprechender Antennenanlagen möglich. In unserem Haus befand sich noch bis 2012 eine getarnt angebrachte Antennenanlage im Dachstuhl, die ursprünglich genau diesem Zweck diente. Wer sich näher mit den technischen Notwendigkeiten des Radio- und TV-Empfanges unter diesen Umständen beschäftigen will, dem sei diese Seite empfohlen: http://www.scheida.at/scheida/Televisionen_DDR.htm#Empfangsberichte%20&%20M%C3%B6glichkeiten%20in%20der%20DDR:

Über den Satz „Dabei schaut der stämmige Stadtoberst, als könnte der den demografischen Wandel mit eigener Lendenkraft stoppen“ urteile bitte jeder selbst.

Fazit

Es ist bedauerlich, dass eines der Flagschiffe des Journalismus einen solchen Text veröffentlicht. Bedauerlicherweise ist auch die (unter Journalisten berühmte) Spiegel-Dokumentation (http://www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/0/504E9855BB512289C1256FD5004406E1?OpenDocument) hier offensichtlich nicht eingesetzt worden oder hat kolossal versagt. Wie schreibt DER SPIEGEL auf der oben genannten Seite? „Neben Lektorat und Recherche ist das ‚Fact-Checking’, auch Verifikation genannt, Hauptaufgabe der Dokumentationsjournalisten. Dabei prüfen sie die redaktionellen Beiträge auf Plausibilität, verifizieren Fakten wie Namen, Daten und Zitate. Gleiches gilt für Bilder und Grafiken. Ein solchermaßen überprüfter und gegebenenfalls korrigierter Beitrag sichert den Qualitätsjournalismus im SPIEGEL.“

Nun ja.